Zentrum Wiesental
Ein Gespräch mit Peter Liechti, dem langjährigsten Bewohner des Zentrums Wiesental, über Kindheitserinnerungen, das Älterwerden und seinen Wunsch.
Ich sitze in der Küche des Zentrums Wiesental (ZWT), einer Einrichtung, die Lebensraum für betagte und pflegebedürftige Menschen aus Wiesendangen und der näheren Umgebung bietet. Der Betrieb gehört zu Pflege Eulachtal und ist Teil der Gemeinnützigen Stiftung Eulachtal. Mir gegenüber sitzt Peter Liechti, 76-jährig. Seit 10 Jahren, also seit Inbetriebnahme des Zentrums, lebt er hier, aktuell gemeinsam mit 15 anderen Bewohnerinnen – allesamt weiblich. Peter Liechti ist somit der einzige Mann und der «Dienstälteste», was ihm einen gewissen Sonderstatus einräumt. Zu Beginn des Gesprächs beäugt er mich etwas skeptisch, aber je länger das Gespräch dauert, desto mehr entspannt und öffnet er sich. Wenn Peter Liechti lacht, dann blitzt viel kindlicher Schalk in seinen Augen.
Bravo-Hefte, kleine Fluchten und Regentage in der Badi
Ob er etwas über seine Kindheit erzählen möge, frage ich Peter Liechti. Sein Heimatort liege eigentlich im Bernbiet, in Oberburg im Emmental, um genau zu sein. Da sein Vater, der in einer Käserei arbeitete, krank wurde, zog die ganze Familie in den Kanton Zürich um – Peter Liechti war damals noch ein Säugling. Aufgewachsen ist er in Attikon Rickenbach, als jüngstes von drei Kindern. Mit seinen zwei älteren Schwestern pflegte er einen guten Kontakt, inzwischen sind beide gestorben. Ich frage ihn, ob er sich in seiner Kindheit mit den beiden Grossen gestritten habe. Er lacht: «Ich bin ihnen manchmal nachgerannt, dann rannten sie in ihre Zimmer und schlugen die Türe zu. Sie schoben etwas Schweres davor, damit ich sie nicht mehr verfolgen konnte.» Zudem erinnert er sich daran, dass er jeweils die Bravo-Hefte und «Schundromane» der Schwester las.[1] In seinem Zimmer im Zentrum Wiesental hat er Bilder von ihnen und von seinen Eltern aufgestellt, die er mir stolz zeigt, ebenso wie ein aus Holz geschnitztes, handbemaltes Familienwappen. Woran er sich ebenfalls erinnert, sind die Nachmittage im Sandkasten mit den Nachbarskindern und dass sie oft im Schwimmbad waren – selbst wenn es regnete und gewitterte.
«Früher ging mehr als heute»
Peter Liechti ist seit Geburt einseitig gelähmt, so blieben ihm gewisse Dinge verwehrt. Er konnte beispielsweise nie lernen, Velo oder Auto zu fahren. Er könne sich nicht mehr erinnern, ob er seine Behinderung früher schwierig fand, meint er achselzuckend. Was ihn mehr zu beschäftigen scheint ist die Tatsache, dass er heute keine Kraft mehr habe – altershalber. Vor ein paar Jahren, da habe er diverse Ämtli im ZWT ausgeübt, beispielsweise immer die Zeitung aus dem Briefkasten und die Getränke aus dem Keller geholt. «Früher ging mehr als heute. Laufen kann ich noch, aber wenn ich nach draussen gehe, dann mit dem Rollstuhl – wenn jemand für mich Zeit hat.» Gespräche führe er auch weniger, früher, da habe er viel gesunden – meist in der Kirche. «Der Pfarrer hat jeweils geschimpft und uns die Ohren langezogen, wenn wir nicht in der Kirche erschienen sind», erinnert er sich.
Welchem Beruf ging Peter Liechti nach? «Ursprünglich habe ich eine Lehre als Maschinenführer in Zürich gemacht. «Die Stadt war damals noch ganz anders, viel ruhiger. Morgens fuhr ich mit dem Zug hin und abends wieder zurück.» Später dann sei er in der Produktion einer Textilfirma tätig gewesen, die Futterschichten in Jacken eingearbeitet habe. Er selbst arbeitete an zwei grossen Maschinen. Ob es ihm gefallen habe? «Sosolala.»
Doppelt Grund zum Feiern
Er sei einmal in Barcelona gewesen, in einem Hotel direkt am Meer. Nach Spanien sei er damals geflogen. Hat er einen Wunsch, etwas, das er gerne noch machen würde? «Ja, ich würde gerne nach Hamburg.» Warum? «Das ist eine schöne Stadt.» Und wieder strahlt sein Gesicht.
Gefällt es Peter Liechti am ZWT, seinem Lebensort? Das «Ja» kommt wie aus der Pistole geschossen. Ihm gefalle alles, das Essen, die Leute, das Personal. Das ZWT feiert am 11. Juli das 10-jährige Jubiläum. Wenige Tage davor feiert Peter Liechti seinen 77. Geburtstag. Er könne also doppelt feiern, scherze ich. «Ja, ich freue mich sehr auf das Fest!»
[1] (Anmerkung: Bravo, eine der erfolgreichsten Jugendzeitschriften, gibt es seit 1956. Das Magazin ist inzwischen also bereits 70 Jahre alt …)