Spitex Eulachtal

Ein Tag mit der Spitex Wiesendangen: Zwischen Abwasch und Abschied

Ein Morgen mit der Spitex Wiesendangen – von der Hautpflege bis zur Palliativbetreuung im Endstadium: Jeder Einsatz erzählt eine eigene Geschichte. Dieser Schulterblick gewährt einen spannenden Einblick in den Pflegealltag.

Ein früher Mittwochmorgen Ende Juli, 7 Uhr. Ich treffe noch etwas müde im Zentrum der Spitex Wiesendangen ein. Die Teamkolleg/innen, die bald auf die ersten Einsätze gehen, sind bereits da. Was für sie Alltag ist, ist für mich eine Première: Ich darf mit Andrea Schenker, dipl. Pflegefachfrau HF, einen halben Tag mitgehen. Ein Einsatz aus nächster Nähe.

Andrea hat an diesem Tag die sogenannte «Tagesverantwortung (TV)». «Die TV wechselt immer, diese Person ist am jeweiligen Tag die Hauptansprechperson. Trifft eine Kollegin oder ein Kollege eine Situation an, die sie nicht selbst beurteilen oder bewältigen kann, meldet sie sich für fachlichen Support», erklärt Andrea. Die TV macht auch das Büro, das bedeutet in der Regel weniger Einsätze bei den Klient/innen. Prompt klingelt bereits das Telefon: Eine ältere Frau aus der Nachbarschaft hat sich den Arm gebrochen und benötigt Hilfe bei der Körperpflege. Andrea nimmt die Daten auf und versichert, dass jemand am späteren Morgen vorbeikommen wird.

Die rund 30 Mitarbeitenden der Spitex in Wiesendangen betreuen aktuell rund 100 Menschen, erklärt mir Yvonne Müller, die Bereichsleiterin. Im Schnitt besuchen die Kolleginnen und Kollegen zwischen acht bis zehn Klient/innen täglich. Die Anzahl variiert, entscheidend sind beispielsweise die Pensen der Mitarbeitenden sowie der Grad der Pflegebedürftigkeit der besuchten Personen. Insgesamt betreut die Spitex Eulachtal – zu der neben Wiesendangen auch die beiden Standorte in Elgg und Elsau gehören – 270 bis 300 Klientinnen und Klienten. Seit 2022 gehört die Spitex Eulachtal zu Pflege Eulachtal und ergänzt diese um einen ambulanten Bereich.

Hautpflege, Bett richten und Betreuung am Lebensende

Dann geht es los. Unser erster Einsatz führt uns zu einer älteren Dame in der Nachbarschaft. «Bei dieser Klientin geht es hauptsächlich darum, sie bei der Hautpflege zu unterstützen und an die Medikamenteneinnahme zu erinnern», so Andrea. Die Frau empfängt uns freundlich. Andrea fragt nach dem Befinden und wechselt einige Worte mit der Klientin. Sie benötigt Hilfe beim Eincrèmen und Andrea erklärt ihr, welche Medikamente wie eingenommen werden. Dann ist der Einsatz bereits vorbei. Andrea trägt unmittelbar nach dem Besuch alle ausgeführten Leistungen im «Perigon» ein – ein Software-Programm, in dem sämtliche Informationen zu den Klient/innen akribisch aufgelistet und laufend aktualisiert werden. Die meisten Spitex-Mitarbeitenden arbeiten Teilzeit, die Übergänge müssen funktionieren. Dank der genauen Dokumentation kann jede Pflegeperson nahtlos übernehmen.

Unser nächster Einsatz bringt uns zu einem über 90-jährigen Mann, ein ehemaliger Landwirt, der selbständig allein zuhause lebt. «Bei ihm geht es in erster Linie darum, zu prüfen, ob es ihm gut geht. Seine Angehörigen sind froh, wenn sie wissen, dass täglich jemand nach ihm sieht. Bei ihm ist wenig pflegerische Leistung nötig, sondern primär eine hauswirtschaftliche», so Andrea. Konkret heisst das: sein Bett und wenn nötig den Abwasch machen, und nachfragen, ob er die Medikamente eingenommen hat . Auch mit ihm wechselt sie freundliche Worte. Er erklärt uns nach wenigen Minuten, dass er müde sei und sich wieder hinlegen möchte, und so ist auch dieser Einsatz schnell vorbei.

Der dritte Einsatz dauert länger: Wir fahren zu einem Palliativpatienten, einem rund 70-jährigen Mann mit Krebs im Endstadium. Er wird zuhause betreut, was unter anderem möglich ist, da seine Frau, die früher selbst in der Pflege tätig war, einen Grossteil der Betreuung übernimmt. Wir verbringen hier deutlich mehr Zeit, und Andrea geht einfühlsam auf den Klienten ein. Die Ellenbögen und Füsse des Mannes müssen neu eingebunden werden wegen diverser Schrunden – und Andrea hilft beim Waschen des Rückens. Er wirkt sehr müde, kann Fragen aber beantworten und ist bei vollem Bewusstsein. Die Pflege findet hier im Wohnzimmer auf dem Sofa statt, die Angehörigen haben sich bislang gegen ein Pflegebett ausgesprochen. Andrea erklärt den Nutzen eines solchen für den Klienten wie auch für die Spitex.

Als wir uns verabschieden, sagt der Klient «Vielen Dank» zu meiner Kollegin und ich spüre, wie dieses Danke wirklich von Herzen kommt. Und ich beginne zu ahnen, was Pflegende damit meinen, dass ihre Arbeit etwas bewirke.

Eine sinnvolle Tätigkeit

In einer kurzen Pause am Morgen frage ich Andrea, warum sie diesen Beruf gewählt hat. «Ich überlegte ursprünglich einmal, Medizin zu studieren. Gesundheitsthemen haben mich schon immer sehr interessiert.» Letztlich entschied sie sich für die Ausbildung als Pflegefachfrau DN II, heute HF. «Mir geht es vor allem darum, Leiden zu lindern und mit verschiedenen Menschen zu interagieren», erklärt sie. Nach einer familiären Auszeit stieg sie wieder ein bei der Spitex. Diese sei für sie als Mutter eine geeignetere Arbeitgeberin als etwa ein stationärer Dienst mit Nachtwache. «Die Nachtwache habe ich nie gemocht. Zudem ist es bei einer Spitex oft besser möglich, mit tieferen Pensen zu arbeiten.»

Andrea verfügt über Zusatzausbildungen in Palliative Care, gemäss der Organisation palliative.ch geht es dabei um die «… Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und/oder chronisch fortschreitenden Krankheiten.» Früher war Andrea unter anderem am Unispital in Zürich tätig und hatte in der Medizin und Onkologie oft mit Palliativpatient/innen zu tun. «Wir ermöglichen Menschen mit der Spitex, zuhause zu sterben. Das gibt den Betroffenen Sicherheit und ist oft auch für die Angehörigen der angenehmere Weg: Für mich ist es eine sehr sinnstiftende Arbeit.» Die Zahlen bestätigen diese Aussage: Knapp drei Viertel der Menschen wünschen sich gemäss der Bevölkerungsumfrage Palliative Care 2018, zuhause zu sterben. Tatsächlich aber sind es nur 20%, für die das möglich ist. «Es ist schön, das Zuhause-Bleiben mit dem Spitex-Setting zu ermöglichen», sagt Andrea. Es gehe aber nicht ohne ein funktionierendes Gesamtsystem: «Auch andere Involvierte wie etwa Angehörige sind ein wichtiger Teil davon.»

Selbstregulierung und eigene Grenzen kennen

Was mir bereits nach den ersten drei Einsätzen auffällt: Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll. Andrea nimmt sich für jede Person Zeit, wechselt freundliche Worte, weiss genau, was zu tun ist. Nicht jeder Einsatz sei einfach, manchmal wisse man nicht, was man antreffe. «Es gibt Fälle, wo die Zusammenarbeit mit den Angehörigen oder der Klientin bzw. dem Klienten selbst schwierig ist. Es kann auch sein, dass eine Wohnung sehr unordentlich oder schmutzig ist oder unangenehm riecht.» Nebst der körperlichen Belastung, die mit dem Heben, Bücken usw. einhergeht, gibt es auch die psychische Komponente: Nicht jeder Fall kann gleich gut «weggesteckt» werden, manche Schicksale sind sehr berührend. Zudem gilt es bei jeder Klientin und jedem Klienten wieder aufs Neue, sich ganz auf sie einzulassen – das geht an die Substanz.

Andrea wirkt auf mich enorm gefasst und ruhig. Wie geht sie mit der Belastung um? «Ich versuche bei jedem Klienten und jeder Klientin, ruhig reinzugehen. Ich nehme mir beispielsweise im Auto vor dem Einsatz einen Moment Zeit, um wieder runterzufahren.» Hier wird für mich einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, dass Menschen – besonders in gebenden Berufen wie der Pflege – ihre eigenen Grenzen kennen: Nur wer sich selbst kennt und regulieren kann, kann auch gut für andere Menschen sorgen.

Ein bleibender Eindruck

Wir begeben uns auf den vierten und für heute Morgen letzten Einsatz – zur Frau, die zu Beginn angerufen hat. Ein sogenannter «Abklärungstermin». Zunächst gibt es eine ausführliche Befragung, was passiert ist, welche medizinischen Dokumentation vorhanden sind und welche Hilfsleistungen die Betroffene wünscht. Zudem erklärt Andrea, welche Dokumente auszufüllen sind. Danach hilft sie ihr, den eingebundenen Arm freizulegen, sich zu waschen und neu einzukleiden. Den Arm bindet sie danach mit geschickten Handgriffen wieder ein.

Als der Einsatz vorbei ist, begebe ich mich hungrig und etwas erschöpft zurück in das Büro nach Elgg. Einmal mehr bin ich tief beeindruckt von dem, was die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege tagtäglich leisten. Zurück bleibt vor allem grosse Dankbarkeit und Hochachtung für alle, die diesen anspruchsvollen Beruf mit so viel Menschlichkeit, Hingabe und Herz ausüben.

 

Nationaler Spitex-Tag

Am Samstag, 5. September 2026, findet der Nationale Spitex-Tag statt.

Das diesjährige Motto lautet «Gute Pflege heisst: Cool bleiben». Spitex Schweiz schreibt dazu: «Das entsprechende Sujet illustriert den Pflegealltag mit einem Augenzwinkern und zeigt, dass es in der Spitex sowohl Fachwissen als auch Gelassenheit braucht. Zudem braucht es die Fähigkeit der Mitarbeitenden, in herausfordernden Momenten eigenständig und verantwortungsvoll zu reagieren.»

Mit vielfältigen Aktionen wird an diesem Tag sichtbar gemacht, was professionelle Pflege zu Hause auszeichnet.

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